Kurz-Interview mit Guido von Rossum, dem "Benevolent Dictator" von Python

EuroPython 2002, Charleroix, Belgium. von Holger Krekel

Was haben Java und Python gemeinsam, wo sind Unterschiede?
Beide sind objektorientierte Sprachen, beide sind interpretiert und unterstützen dynamisches Laden von Bytecode. Ansonsten sind sie sehr verschieden. Java ist eine systemnahe Implementierungssprache.
Was heisst systemnah?
Java verlangt viel Nachdenken und das Programm läuft dann sehr schnell ab. Python verlangt nur soviel Nachdenken, wie zum Ausdrücken der eigentlichen Ideen nötig ist. Aber zum Beispiel einen MPEG-Encoder in Python zu schreiben, würde wenig Sinn machen.
Aber grosse Python-Applikationen sind kein Problem?
Absolut nicht. Man fängt an mit kleineren Bausteinen an und baut sie zu grösseren Blöcken zusammen. Der meiste Programmcode ist viel expressiver als das bei Java der Fall ist.
Wie sieht es mit Embedded Systems aus?
Ich glaube, Embbeded Systems und Python sind füreinander bereit. Früher waren solche Systeme durch 500KB Arbeitsspeicher beschraenkt. Python ist tatsächlich kleiner als Java, inbesondere wenn man den Compiler wegläßt.
Was sind die Hauptanwendungsgebiete?
Ein sehr bekannter Bereich sind Web-Anwendungen. Die Forschungs- und Wissenschaftswelt setzt Python breit ein. Offensichtlich kann man massive Berechnungen nicht direkt in Python durchführen. Aber numerische Bibliotheken mit Python als Integrationssprache sind sehr beliebt und erfolgreich.
Etwas persönliches. Was war der Grund, 1995 in die USA zu ziehen?
Persönliche Gründe gab es nicht, ausser dem, dass ich 12 Jahre denselben Job hatte. Irgendwie gab es auch nicht genügend Verständnis dafür, wie wichtig und interessant Python eigentlich war. Es bekam einfach keine Unterstützung vom Management. Und als ich dann ein Angebot aus den USA bekam ...
Sie riefen einfach an?
Nein, erst war ich zwei Monate als Gast bei dem Forschungslabor NIST in Washington. Sie haben dann einen Workshop organisiert, an dem etwa 20 Leute teilgenommen haben. Die meisten sind heute noch aktiv. Einige von Ihnen kamen vom CNRI und sie boten mir ein Projekt an. Es ging um Programmcode, der sich im Netzwerk bewegt.
Haben sie jemals daran gedacht, nach Europa zurückzukommen?
Meine Frau habe ich in den USA kennengelernt und wir haben ein Kind. Seit sieben Jahren schlage ich dort Wurzeln. Wenn die politische Lage nicht dramatisch schlechter wird, dann werden wir bleiben.